Katholischer Pflegeverband

Fastenpredigt: Wie Betroffene mit Krankheit, Sterben & Tod umgehen

Von Pfarrer (i.R.) Klaus Stock

Herr Pfarrer Stock unterstützt den Katholischen Pflegeverband e.V. bereits seit vielen Jahren als Wegbegleiter, Berater und Dozent. Diese Fastenpredigt hat er für die Gemeinde St. Emmeram in Regensburg verfasst und stellt Ihnen den Text gerne auch über unsere Homepage zur Verfügung.

StockLiebe Mitchristen, Schwestern und Brüder im Herrn!

Die heutige Fastenpredigt in der Reihe „Begegnung mit Krankheit, Sterben und Tod“ ist ein Wagnis. Mindestens drei Gründe erschweren dieses Vorhaben:

So wird in der Lesung aus dem Buch Sirach (Sirach 38,1-23) zwar das Arzt- Patientenverhältnis und die Rolle Gottes gut beschrieben, aber der Text ist sehr alt und die Inhalte entsprechen nicht mehr dem heutigen Kenntnisstand.

Als mich Pfarrer Gerl Mitte Januar fragte, ob ich als Betroffener predigen könnte, war es völlig offen, ob meine Genesung so weit fortschreiten würde, dass ich den Termin wahrnehmen kann. Kurzfristig musste ich nun absagen und habe mich entschieden, die Predigt auf meinem Blog zu veröffentlichen.

Ich bin seit Ende September in Therapie wegen einer Krebserkrankung. Einzelheiten dazu möchte ich nicht mitteilen, es sei denn, man kann sie mit einer Glaubensaussage verknüpfen. Auch der Apostel Paulus hat ja sehr offen über seine Bedrängnisse und Nöte gesprochen und seine Gemeinden an seinem Leben teilnehmen lassen (vgl. 1 Thess 2,8). Die Ereignisse im Lichte des Evangeliums deuten, war immer schon Hauptanliegen der Verkündigung.

Schließlich darf die Frage, wer ein Betroffener ist, nicht auf meine Person beschränkt werden. Nicht nur Krebspatienten sind Betroffene, auch andere Erkrankte. Man weiß inzwischen, dass der Krebs nicht die erste Todesursache ist, sondern die Herz- und Kreislauferkrankungen.

Betroffene im weitesten Sinne sitzen heute auch hier in der Kirche. Angehörige, Berufe im Gesundheitswesen, Hospizhelfer, Pflegekräfte, Ärzte, alle sind irgendwie betroffen und wollen sich mit dem Thema dieser Fastenpredigtreihe auseinandersetzen – nämlich, dass wir sterbliche Menschen sind und dass keiner der Sterblichen an Krankheit und Leiden vorbeikommt. Also kann ich nur als einer von vielen Betroffenen reden.

Gott sei Dank gibt es Selbsthilfegruppen und Gesprächskreise mit Fachleuten, in denen offen und sehr persönlich über Krankheit, Sterben und Tod gesprochen werden kann. Heute Abend geht es aber vorrangig um ein Glaubenszeugnis. Was geht einem Betroffenen durch den Kopf und durch das Herz? Wie kann er als Christ die Hoffnung bewahren, wenn alles irgendwie sinnlos und hoffnungslos erscheint?

Vielleicht hat mich Pfarrer Gerl auch deshalb eingeladen, weil ich in meinem beruflichen Werdegang viel mit seelischen und körperlichen Leiden konfrontiert wurde. Zuerst fünf Jahre als Leiter der Telefonseelsorge, dann als Krankenhausseelsorger und die letzten 21 Jahre als Seelsorger für Beratungsdienste und Pflegeberufe und als Beauftragter für Krankenhaus- und Hospizseelsorge.

Die Einleitung ist nun etwas länger geworden. Aber ich wollte auch nicht verschweigen, vor welchem Hintergrund ich meine Glaubenserfahrung mitteile.

Eine erste Erfahrung machte ich gleich nach der Diagnose im Sommer. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei dieser Erkrankung, so las ich, sei 4-10 Jahre. Dazu konnte ich als 73jähiger spontan ja sagen. Ich hatte ja zusammen mit dem Hospizverein und dem Kath. Pflegeverband zum Thema Sterbebegleitung, Tod und Trauer jahrelang Vorträge und Seminare gehalten und war mit dem letzten Lebensabschnitt verstandesmäßig gut vertraut. Dass mein und unser aller Leben mit dem Tod endet, war in meinem Kopf gesicherte Erkenntnis.

Was ich aber bald einsehen musste, hat mich dann doch überrascht. Wer krank wird, auch schwer krank, hegt immer die Hoffnung, dass er wieder gesund wird. Und das ist auch gut so und für den Genesungsprozess dringend notwendig. Wer sich aufgibt, dessen Heilungschancen schrumpfen. Man muss kämpfen, sagen die Fachleute der Psychoonkologie.

Sehr viele Krankheiten können heute geheilt werden. Und ich möchte an dieser Stelle wieder einmal meinen Respekt vor den Leistungen der modernen Medizin bekennen. Die meisten Menschen wissen davon wenig. Immer sind es auch hier nur die Betroffenen, denen solche Erfahrungen zuteil werden. Und mit ihnen ins Gespräch zu kommen, ist nicht ganz leicht. Krankheit gehört schließlich zu den intimen Erfahrungen, die man nicht so ohne weiteres mitteilen will.

Wer aber einmal in die Mühlen von Diagnose und Therapie hineingeraten ist, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. In dem Haus, in dem ich behandelt werde, ist mein Respekt und meine Wertschätzung für die Ärzte und das Pflegepersonal jede Woche mehr gewachsen.

Bei all diesem Einsatz bis hinein in die Begleitung von Sterbenden auf einer Palliativstation oder einem Hospiz gibt es aber eine Grenze menschlicher Möglichkeiten. Und da bewegen sich die Kranken und die helfenden Berufe in einem eigenartigen Raum – im Vorraum des Sterbens.

Es ist eine vorher nicht gekannte Ohnmacht und Hilflosigkeit. Irgendwann einmal wird uns ja doch eine Krankheit zugemutet, die nicht mehr heilbar ist, sondern zum Tode führt. Ob das die gerade jetzt durchzustehende Krankheit ist oder eine völlig andere oder ein Unfall, das bleibt rätselhaft verborgen.

Und genau diesen Vorraum hatte ich bisher überhaupt nicht bedacht. Es war ein Abenteuer, zuzulassen, dass vor dem Sterben eine Phase der Ohnmacht und Hilflosigkeit durchzustehen ist, die zu einer echten Glaubenprüfung werden kann. Die bekannte Sterbeforscherin Elisabeth-Kübler-Ross nannte diese Phase „Niedergeschlagenheit und Depression“.

Gott, wo bist Du? Warum spüre ich nichts von Deiner tröstenden Nähe? Nicht einmal das Glaubenswissen, dass Du in Deinem Mensch gewordenen Sohn in allem uns gleichgeworden bist – bis zum Tod, tröstet mich. Nicht einmal das Bild des Gekreuzigten, der mich anschaut und mir zuraunt: „Schau her, ich stecke in deiner Haut“, hilft weiter.

Wer kann helfen, wer hält mich fest? Wenn ich dann im Brevier den Satz gebetet habe: „Herr, ich habe zu dir gerufen – und du hast mich erhört“ – konnte ich den anderen Gedanken nicht unterdrücken: „… du hast mich nicht erhört“!

Ich bin erschrocken, als ich in dem letzten Jesusbuch von Papst Benedikt folgenden Satz las: „Je näher wir Jesus Christus kommen, umso näher kommen wir seiner Passion“

Liebe Schwestern und Brüder unseres Menschenbruders Jesus Christus. In solcher Ohnmacht und Ausweglosigkeit muss man sich nicht schämen, wenn Tränen kommen. Der Blick auf einen besonderen Ort im Leben Jesu mag eine gewisse Entlastung bringen. Es ist der Ölberg mit der dort bezeugten abgrundtiefen Angst Jesu vor seinem bevorstehenden Leiden. Blutstränen, so berichtet die Bibel, sollen es gewesen sein. Auf dem Ölberg kommt man dann doch dem Menschenbruder Jesus nahe.

Wie können wir nun diesen Vorraum vor dem Sterben menschlich bestehen, ohne an Gott zu verzweifeln. Das kirchliche Abendgebet Komplet endet jeden Tag mit der Bitte: „Eine ruhige Nacht und ein gutes Ende gewähre uns der allmächtige Gott“. Das wäre es: ein gutes Ende!? Aber wird es so sein oder werden uns im Vorraum des Abschieds von dieser Welt Belastungen zugemutet, die man sich gar nicht vorstellen kann?

Fachleute behaupten, dass nahezu alle Sterbenden in der letzten Lebensphase einverstanden sind mit ihrem Geschick und bei guter medizinischer, sozialer und spiritueller Begleitung auch im Frieden scheiden können.

Meine Erfahrung geht in die Richtung, dass die Nähe von guten Menschen oft die einzige Kraftquelle zum Durchhalten ist – und nicht zu vergessen – das Wissen um gleichermaßen Betroffene; freilich auch das Gebet, die Krankensalbung und die Krankenkommunion. Dass man allerdings auf eigenen Wunsch – wie damals Anna Schäffer – jeden Tag die Krankenkommunion erhalten kann, ist eigentlich nur noch in kath. Krankenhäusern möglich.

Ich denke jetzt auch noch an die Erlebnisse in der onkologischen Ambulanz. Da liegen gestandene Frauen und Männer in den besten Jahren auf bequemen Liegen – an manchen Tagen täglich bis zu 50! Angeschlossen an verschiedenen Infusionen. Chemotherapie ist dafür das gebräuchliche Wort. Gesprochen wird nicht viel. Es herrscht eine eigenartige Ruhe. Ich vermute auch, dass manches stille Gebet zum Himmel aufsteigt. Mit dem Nachbarn kommt man manchmal ins Gespräch. Man will auch nicht zu viel von seiner Krankheit wissen. Vielleicht hat er die gleiche Diagnose – und wird doch ganz anders behandelt. Oder sein Zustand ist noch viel schlimmer. Nur selten gibt es auch Humor. Sehr wohltuend ist das immer fröhliche und kompetente Personal, das für eine entspannte Atmosphäre sorgt.

Vor kurzem erzählte ein schwerkranker Nachbar, wie er so seinen Tag beginne. Er liest noch im Bett erst einmal die Tageszeitung und zwar als erstes die Todesanzeigen. Wenn er dann seinen Namen darin nicht finden würde, würde er aufstehen. Galgenhumor oder auch eine sehr persönliche Weise, sich mit dem Unvermeidbaren auseinander zu setzen?

Eine weitere Erfahrung möchte ich nicht verschweigen. Ich bin kein besonders leidenfähiger Mensch. Was mir bisher vom Leben zugemutet wurde, war nicht immer leicht, aber ich konnte es hinnehmen. Ich bin auch kein Mensch, der eine besondere Begabung als Bittsteller hat. Auch gegenüber Gott sind meine Bittgebete eher spärlich. In meinem Theologenhirn geistert eine einfache Formel: Gott weiß doch sowieso alles, wie es um mich steht. Warum soll ich ihm das noch einmal erzählen?

Diese Idee betraf auch die vielen mir zugesprochenen Gebete. Es hat mich sehr berührt, wie viele Menschen mir spontan ihre Fürbitte zugesagt haben. Das ging anfangs bei mir so weit, dass ich dem lieben Gott empfehlen wollte, er soll sich doch die Ohren zuhalten vor dem vielen Gejammere in meiner Angelegenheit. Er wüsste doch selbst am besten, was Sache ist.

Dann aber bin ich eines Besseren belehrt worden, als ich zufällig beim Prophetem Jesaja im 65. Kapitel folgende Gottesbotschaft las:
Spruch des Herrn: „Ich wäre zu erreichen gewesen für die, die nicht nach mir fragten; ich wäre zu finden gewesen für die, die nicht nach mir suchten. Ich sagte zu einem Volk, das meinen Namen nicht anrief: Hier bin ich, hier bin ich“.

So also ist Gott – unaufdringlich bietet er sich an – und wir wollen es nicht wahrhaben, Es war, wie ich jetzt weiß, mein Stolz, der mich hinderte, zu einem einfachen, nicht kindischen, sondern kindlichen Glauben, zurückzukehren.

Und ein Letztes möchte ich noch erwähnen. Die neue Heilige Anna Schäffer ist mir in den letzten Monaten mehr und mehr vertraut geworden – auch als Fürbitterin. Als sich um Weihnachten heftige Schmerzen in den Beinen als Folge der Chemotherapie einstellten, musste ich immer wieder an Anna Schäffer denken. Unglaublich, wie sie fast 25 Jahre Schmerzen in den Beinen aushalten konnte. Heute könnte man mit modernen Schmerzmitteln diese Leiden lindern.

Zu diesem heroischen Leben kann ich eigentlich nur schweigen und staunen. Alle theologisch maßgeschneiderten Antworten befriedigen nicht. Vielleicht stimmt ja, was der früh verstorbene ehemalige Domprediger Dr. Michael Grünwald einmal gesagt hat. Jesus Christus hat am lautesten gesprochen, als er am Kreuz verstummte.
Liebe Mitchristen!

Ich habe es gewagt, persönliche Erfahrungen in einer Predigt mitzuteilen. An Ihnen liegt es nun, dies einfach so stehen zu lassen und zu ihren eigenen Erfahrungen zurückzukehren. Mag sein, dass sich der eine oder andere Gedanke für Sie hilfreich erweist. Dann war der Abend nicht umsonst.

Den Inhalt eines Gebetes möchte ich Ihnen zum Schluss noch zumuten. „Herr, wir schauen hin auf das Kreuz deines Sohnes, Gib, dass wir sein Leiden und Sterben besser verstehen und hilf uns, so zu leben, dass wir durch die Teilnahme an seinem Leiden die Kraft seiner Auferstehung erfahren.“
Wer genau hinhört, wird erschrecken. Wie soll denn das gehen? Als Christen wissen wir schon, dass wir durch die Taufe mit dem Leben Jesu in allen Phasen verbunden sind, also auch mit seiner Passion und Auferstehung. Aber das Wissen im Kopf – wie geht es in die tägliche Erfahrung? Die Teilnahme an seinem Leiden – denkbar – auch zumutbar und erlebbar – aber darin gleichzeitig die Kraft seiner Auferstehung erfahren? Wie fühlt sich das an? Dass man leidensfähiger wird? Dass man das Leiden leichter erträgt? Oder dass man erst durch Leiden hindurchgekommen sein muss, um das neue Leben der Auferstehung auch existentiell zu erfahren.
Viele offene Fragen.

In gut drei Wochen feiern wir Ostern, den Durchgang durch Leiden und Tod zur Auferstehung. Der Vorbereitung zu diesem wichtigsten Fest im Kirchenjahr sollten dies Fastenpredigten dienen.
An Karfreitag, Karsamstag und Ostern erinnern wir das letzte und größte Geheimnis unseres Glaubens: dass wir mit Christus hindurchkommen durch alles Leid und Elend dieser irdischen Pilgerreise und dass am Ende Gottes Treue siegen wird.

Das ist der Grund unserer Hoffnung. In seinem Brief an die Römer findet Paulus dazu die richtigen Worte: „Wir sind gerettet, doch in der Hoffnung. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht? Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen, dann harren wir aus in Geduld. Denn wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt“ (Röm 24,8ff.)

Dieses gläubige Wissen könnte ein Schlüssel sein zur Bewältigung von Krankheit, Sterben und Tod sein. Auch wenn es keinen Automatismus gibt, der manchmal behauptet wird, dass etwa fromme Menschen leichter sterben als gottlose, auch dann wird aus einer vermeintlichen Sackgasse eine Durchgangsstraße hinein in die neue Welt Gottes. Christen könnten sich einander in diesem Glaubenswissen stärken - und sie tun dies auch, wie z.B heute Abend bei dieser Zusammenkunft.

Stock: Fastenpredigt 07.03.2013 - St. Emmeran (90 KB)

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